FIRE und die 4-Prozent-Regel: Wie viel Vermögen braucht finanzielle Unabhängigkeit?
FIRE steht für „Financial Independence, Retire Early“ – finanzielle Unabhängigkeit und, wenn gewünscht, ein früher Ausstieg aus dem Erwerbsleben. Im Zentrum steht eine einfache Faustregel: die 4-Prozent-Regel. Sie liefert eine erste Antwort auf die Frage, wie groß ein Vermögen sein muss, damit es dauerhaft die eigenen Ausgaben deckt.
Die 4-Prozent-Regel in einem Satz
Wer im ersten Jahr 4 % seines Vermögens entnimmt und diesen Betrag in den Folgejahren nur um die Inflation erhöht, kam in der Vergangenheit mit einem gemischten Aktien-Anleihen-Depot in den allermeisten Fällen mindestens 30 Jahre lang aus.
Umgedreht ergibt sich daraus die bekannte Faustformel:
Zielvermögen ≈ jährliche Ausgaben × 25
Bei Ausgaben von 30.000 € pro Jahr wären das 750.000 €.
Woher die Regel kommt
Die Regel geht vor allem auf den Finanzplaner William Bengen (1994) und die sogenannte Trinity-Studie (1998) dreier Professoren der Trinity University in Texas zurück. Sie untersuchten, wie verschiedene Entnahmeraten mit historischen US-Aktien- und Anleihenrenditen ab 1926 über Zeiträume von 15 bis 30 Jahren funktioniert hätten. Bei einer Entnahme von 4 % und einem hohen Aktienanteil war das Geld in fast allen untersuchten 30-Jahres-Zeiträumen am Ende nicht aufgebraucht.
Wichtige Einschränkungen
Der Zeitraum
Die Studie betrachtete 30 Jahre – also einen klassischen Ruhestand ab etwa 65. Wer mit 40 aufhört zu arbeiten, braucht sein Vermögen möglicherweise 50 Jahre oder länger. Für solch lange Zeiträume halten viele Analysen eine Entnahmerate von 3 bis 3,5 % für vorsichtiger. Bei 3,5 % steigt das Zielvermögen für 30.000 € Ausgaben auf rund 857.000 €.
US-Daten
Die historischen Daten stammen aus dem US-Markt, der im 20. Jahrhundert außergewöhnlich erfolgreich war. Andere Märkte hatten teils deutlich schwächere Phasen. Ein weltweit gestreutes Depot ist robuster als die Wette auf ein einzelnes Land.
Reihenfolge der Renditen (Sequence Risk)
Besonders gefährlich ist ein starker Kursrückgang in den ersten Jahren der Entnahme. Wer in einem Crash verkaufen muss, um Ausgaben zu decken, verbraucht überproportional viele Anteile, die später für die Erholung fehlen. Ein Puffer von ein bis zwei Jahresausgaben in risikoarmen Anlagen kann dieses Risiko abfedern.
Steuern und Kosten
Die 4 % sind eine Bruttoentnahme. Steuern auf realisierte Gewinne und Fondskosten müssen davon noch bezahlt werden. In Österreich fallen auf Kursgewinne und Dividenden 27,5 % KESt an – siehe Kapitalertragsteuer in Österreich.
Ausgaben ändern sich
Gesundheit, Wohnen, Familie: Die Ausgaben im Ruhestand sind selten konstant. Flexible Entnahmestrategien – in schlechten Börsenjahren etwas weniger entnehmen, in guten etwas mehr – erhöhen die Erfolgswahrscheinlichkeit deutlich.
Die eigene Rechnung
- Ausgaben ehrlich erfassen: Wie viel geben Sie heute tatsächlich pro Jahr aus – inklusive unregelmäßiger Kosten wie Auto, Urlaub und Reparaturen?
- Andere Einkommen abziehen: Pension, Mieteinnahmen oder Teilzeiteinkommen verringern den Betrag, den das Depot decken muss.
- Entnahmerate wählen: 4 % als Ausgangspunkt, 3–3,5 % für sehr lange Zeiträume oder mehr Sicherheit.
- Zielvermögen berechnen: verbleibende Jahresausgaben ÷ Entnahmerate.
- Sparquote und Zeit: Wie lange es bis zum Ziel dauert, hängt vor allem von der Sparquote ab – also dem Anteil des Nettoeinkommens, der investiert wird.
Die Sparquote als stärkster Hebel
Eine hohe Sparquote wirkt doppelt: Man investiert mehr und gewöhnt sich gleichzeitig an niedrigere Ausgaben, die das Ziel verkleinern. Bei einer Sparquote von 10 % dauert finanzielle Unabhängigkeit unter typischen Annahmen mehrere Jahrzehnte, bei 50 % oft nur noch rund 15 bis 20 Jahre. Die genaue Zahl hängt von Rendite, Inflation und Ausgangsvermögen ab.
Beispiel: Vom Jahresbedarf zum Zielvermögen
Wer im Ruhestand 30.000 € pro Jahr braucht, benötigt bei 4 % Entnahmerate 30.000 ÷ 0,04 = 750.000 €. Bei einer vorsichtigeren Rate von 3,5 % sind es 857.143 €, bei 3 % bereits 1.000.000 €. Der Abstand zeigt, wie stark die Annahme das Ziel verschiebt.
| Entnahmerate | Vielfaches der Jahresausgaben | Zielvermögen bei 30.000 € Ausgaben |
|---|---|---|
| 4,0 % | 25 | 750.000 € |
| 3,5 % | 28,6 | 857.143 € |
| 3,0 % | 33,3 | 1.000.000 € |
Mit 20.000 € Startvermögen, 800 € monatlicher Sparrate und 5 % Rendite wird das 4-Prozent-Ziel nach etwa 30 Jahren erreicht. Eigene Zahlen setzt der FIRE-Rechner ein.
Häufige Fragen
Woher stammt die 4-Prozent-Regel?
Aus der sogenannten Trinity-Studie (Cooley, Hubbard und Walz, 1998). Sie untersuchte mit US-Marktdaten, welche anfängliche Entnahme ein Portfolio aus Aktien und Anleihen über 30 Jahre in den meisten historischen Zeiträumen überstand.
Gilt die Regel auch für einen sehr langen Ruhestand?
Nur eingeschränkt. Wer mit Anfang 40 aussteigt, braucht Geld für 50 Jahre und mehr; dafür werden oft 3 bis 3,5 % angesetzt. Die Regel ist eine Faustregel und keine Garantie.
Wie berücksichtige ich die Inflation?
Indem Sie die Ausgaben in heutiger Kaufkraft angeben und die Rendite um die Inflation vermindern. Die Europäische Zentralbank strebt mittelfristig 2 % an; aus 5 % nominal werden dann etwa 3 % real.
Quellen
- AAII Journal: Retirement Savings – Choosing a Withdrawal Rate That Is Sustainable (Cooley, Hubbard, Walz, 1998)
- Europäische Zentralbank: Das Inflationsziel von 2 %
- BMF: Besteuerung inländischer sowie im Inland bezogener Kapitalerträge
Der FIRE-Rechner in Pendrai zeigt, welches Vermögen Sie bei Ihren Ausgaben und einer gewählten Entnahmerate benötigen und wie sich Sparrate und Renditeannahme auf den Weg dorthin auswirken.
Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und stellt keine Anlage-, Finanz- oder Steuerberatung dar. Investitionen in Wertpapiere und Kryptowährungen sind mit Risiken bis hin zum Totalverlust verbunden. Vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse.
Pendrai führt Aktien, ETFs, Krypto und Cash aus mehreren Depots zusammen – kostenlos.
Kostenlos starten